Jedes Übungsblatt (und Lehrbuch) nutzt sich mit der Zeit ab. In der ersten Woche liest du selbst oder dein(e) SchülerIn noch Note für Note. Dabei zählst du halblaut mit. Du stockt jedes Mal an derselben Stelle im dritten Takt. In der zweiten Woche läuft es. In der dritten Woche schaust du zwar noch aufs Papier, aber deine Augen hinken den Händen hinterher. Du spielst das Blatt aus dem Gedächtnis. Wer für den Unterricht Schlagzeugnoten erstellen möchte, braucht spätestens dann das nächste Blatt, das auf den eigenen Fortschritt oder den seiner SchülerInnen optimiert ist.
Ein Handsatz, den du hundertmal gespielt hast, sitzt besser als einer, den du erst dreimal gelesen hast. Für das Notenlesen bringt die vierte Woche mit demselben Blatt dagegen kaum noch etwas. Notenlesen lernst du mit immer neuen Übungen, die du noch nicht kennst. Davon braucht jeder, der regelmäßig übt, erstaunlich viele.
Das 4-2-1-System und seine Grenzen
Ich spiele seit über 40 Jahren Schlagzeug. Aus dieser Zeit, aus den Methoden meines eigenen Freundes und Mentors Huub Janssen, und aus der Arbeit mit SchülerInnen ist im Jahr 2009 mein 4-2-1 Drums Schlagzeugtraining entstanden. Du spielst eine Übungsfigur vier Takte lang auf der Snare, dann je vier Takte auf den beiden Toms und dem Standtom. Danach folgen zwei Takte pro Snare und Toms, zum Schluss einer. Bassdrum und getretene Hi-Hat laufen die ganze Zeit darunter mit. Diesen Durchgang wiederholst du in vier Notenwerten, im 4/4, von der Viertel bis zur Zweiunddreißigstel. In ternären Taktarten wie 6/8, in denen sich jeder Puls in drei Teile gliedert, funktioniert das genauso. Die Stufen folgen dort dem Dreierpuls. Wie das im Detail aussieht und warum es so aufgebaut ist, erkläre ich später in einem eigenen Artikel.
Die Übungsfiguren dafür habe ich zunächst selbst zusammengestellt. Im binären Bereich sind die Grundlage die 16 Vierer-Handsätze, die sich aus den Zweiergruppen RR, RL, LR und LL bilden lassen. Kombinierst du zwei davon zu einem Achteltakt im 4/4, hast du bereits 256 Möglichkeiten. Bei einem Sechzehnteltakt aus vier Vierergruppen sind es schon 65.536! Im ternären Bereich übernehmen die acht Dreier-Handsätze von RRR bis LLL diese Rolle. Ein 6/8-Takt in Achteln besteht aus zwei solchen Gruppen und ergibt 64 Varianten. Spielst du ihn nur in Sechzehnteln, sind es 4.096! Auf jede dieser Figuren kannst du außerdem Akzente, Flams, Ghost Notes oder Pausen setzen. Letztlich sind diese Stickings nichts Neues, sondern werden schon in der frühesten Schlagzeugliteratur besprochen und sind am Ende schlicht mathematische Kombinationsmöglichkeiten.
Aus diesen Kombinationen entstanden Übungssammlungen, mit gängiger Notationssoftware händisch erstellt, als PDF, binär wie ternär, sauber gesetzt und nach Notenwerten sortiert. Das funktionierte für mich eine Zeitlang gut. Mit jeder neuen Seite wurde aber deutlicher, dass jede Sammlung nur einen winzigen Ausschnitt dessen zeigt, was ich damals im Zeitraum von 18 Jahren von Huub lernte und mir und meinen SchülerInnen über die Jahre selbst beibrachte. Dazu kommt der Aufwand. In einem Notationsprogramm setzt du jede Note einzeln, prüfst die Balken, schreibst die Handsätze darunter und korrigierst die Abstände, bis das Blatt lesbar ist. Wer Schlagzeugnoten erstellen möchte, braucht für eine ordentlich gesetzte Seite schnell eine Stunde. Das dauerte mir zu lange, und ich wollte nicht nur mir, sondern auch meinen SchülerInnen jede Woche neue, perfekt auf ihren aktuellen Fortschritt abgestimmte Übungsblätter zur Verfügung stellen.
Regeln statt Einzelblätter
Irgendwann lag der Gedanke nahe, die Arbeit umzudrehen. Statt jedes Blatt Note für Note zu schreiben, legst du fest, was auf das Blatt soll, und am besten erledigt eine Software automatisch den Rest. Leichter gesagt als getan, aber ich entwickelte erste Ideen und ließ mir 2015 ein erstes, einfaches Programm programmieren.
Anfangs war ich begeistert, konnte superschnell meine Übungsblätter erstellen, stieß aber auch an Grenzen, weil dieser erste Generator trotz ein paar Grundregeln sehr vom Zufall bestimmt war. Also: So einfach, wie das klingt, eine Software, Schlagzeugnoten automatisch erstellen zu lassen, ist es nicht. Schließlich schrieb ich mein eigenes 4-2-1 Drums Schlagzeugtraining Lehrbuch, habe aber auch das nach Fertigstellung nie veröffentlicht, weil ich gefühlt immer noch nicht am Ziel war. Auch dieses Buch könnte nicht all die Übungen und Erfahrungen vermitteln, die ich gerne vermitteln möchte. Klar: Es war schlicht durch seine Seitenzahl begrenzt.
Erst 2024 wollte ich nochmal einen ganz neuen Generator von Null an realisieren. Manchmal braucht es einfach seine Zeit. Also entwarf ich erst nur Ideen und schließlich ein erstes Pflichtenheft mit mal eben 80 Seiten, in dem alles geregelt war (dachte ich damals zumindest). Alles neu und am besten online. Ich wollte gerade keine Handyapp, denn mir war von Anfang an eine gute Notenvorschau wichtig. Und dafür ist ein Desktopbildschirm am besten geeignet. Natürlich funktioniert heute Jagocore auch voll responsive auf Tablets und Handys (was damals aber noch nicht klar war). Das Wichtigste bei diesem Konzept musste Ordnung sein: Ein Generator, der Noten ohne Regeln auswürfelt, liefert Chaos. Chaotische, unspielbare Stickings, Zweiunddreißigstel stehen direkt neben Vierteln, Akzente verteilen sich wahllos über den Takt. Im Groove tritt die Bassdrum auf fast jede Sechzehntel, während die Snare den Backbeat verpasst. Formal und mathematisch ist jedes dieser Blätter korrekt notiert. Üben möchte trotzdem niemand danach, und kein(e) SchlagzeugerIn würde es selbst, geschweige denn für seine SchülerInnen, nutzen.
Damit aus dem Zufall brauchbares Material wird, arbeitet Jagocore auf zwei Ebenen. Die erste Ebene sind Gewichtungen und Regeln, die im Hintergrund laufen. Gebräuchliche Handsätze tauchen häufiger auf als exotische. Das betrifft auch alle Ostinati. Im Groove besetzt die Snare zuerst den Backbeat und die Bassdrum zuerst die schweren Zählzeiten, bevor weitere Schläge dazukommen. Ungerade Taktarten folgen ihrer Gruppierung aus Zweiern und Dreiern, und die Notenwerte springen nicht wild von Takt zu Takt. Die Gewichtungen habe ich so lange an echten Blättern geprüft und nachjustiert, bis das Ergebnis nach meinen Erfahrungen musikalisch stimmte. Diese Vorarbeit und Konzeptionierung allein hat Monate verschlungen.
Und die zweite Ebene? Die wichtigste? Die zweite Ebene bist du. Du wählst mit ein paar Klicks die Übungsart, die vielen optionalen Funktionen, die Taktart und bei ungeraden Takten die Gruppierung. Du bestimmst, welche Handsätze vorkommen dürfen, welche Notenwerte und welche Toms. Außerdem legst du fest, welches Fuß-Ostinato darunter läuft, also welches feste Muster Bassdrum und Hi-Hat Pedal spielen, während die Hände wechseln. Jede deiner Entscheidungen grenzt den Zufall deines Generators ein Stück weiter ein. Erst die vielen einzelnen Auswahlmöglichkeiten im Zusammenspiel mit den Regeln dahinter ergeben Übungen und ganze Blätter, die genau das trainieren, was du trainieren willst, oder mit deinen SchülerInnen exakt auf ihren Fortschritt angepasst jede Woche neu als frisches, individuelles Übungsblatt erarbeiten möchtest. Das Artikelbild zeigt dir bereits ein paar Details der Möglichkeiten. Kurz: Diese beiden Ebenen und gezielte Einstellungen machen aus Chaos unendlich viele sinnvolle Übungskombinationen. Aber wenn du es schwierig haben möchtest, grenzt du das Chaos einfach nicht so sehr ein. Und das Ganze mal eben schnell, in wenigen Minuten, immer wieder neu!
Dazu kommt der Notensatz. Jagocore setzt die Noten so, wie du sie aus gut gemachten Lehrbüchern kennst. Hände und Füße stehen in getrennten Stimmen, die Balken folgen den Zählzeiten, und auf Wunsch stehen die Zählsilben über den Noten. Heraus kommt ein druckfertiges A4-Blatt als PDF in sehr guter Qualität (siehe meine „Übung der Woche” unten).
Angefangen hat Jagocore mit reinen Stickings und meinem 4-2-1 Drums System. Inzwischen sind Akzente, Flams und Ghost Notes dazugekommen, außerdem komplette Grooves für Bassdrum, Snare und Hi-Hat sowie eine Matrix, in der du eigene Beats zeichnest. Und natürlich Rudiments. Elf Taktarten stehen zur Wahl, vom gewohnten 4/4 über 6/8 bis zu 7/8 und 9/8. Mein 4-2-1-System lässt sich zuschalten und ebenfalls mit vielen Optionen anpassen.
Da ich mein Buch nicht veröffentlichte, kam ich im Laufe der Entwicklung von Jagocore außerdem darauf, dass sich hier meine Webseite mit wöchentlich neuen Artikeln rund ums Schlagzeugspiel inklusive immer einer „Übung der Woche” als viel sinnvollere Alternative anbot.
Also: Ab sofort erscheint jede Woche samstags um 11 Uhr ein neuer Artikel und eine neue Übung. Setz dir die Seite gerne als Lesezeichen.
Für wen Jagocore gedacht ist
Jagocore ist für DICH und EUCH! Was als kleine Idee begann, ein Buch wurde aber unveröffentlicht blieb, ist jetzt endlich kurz vor der Fertigstellung, und zwar viel komplexer und umfangreicher als geplant. Ja, ich weiß, alle könnten heute allein mit unzähligen YouTube Videos und Onlineunterricht Schlagzeugspielen lernen. Aber Notenlesen und schnell perfekte Noten für dich und deine SchülerInnen generieren zu können, halte ich nach wie vor für ungeheuer wichtig. Du kennst dich und deine SchülerInnen ganz genau. Du weißt, dass der eine Sechzehntel sicher spielt, aber bei jedem Doppelschlag mit links wackelt. Und du weißt, dass die andere flüssig liest, aber die Bassdrum vergisst, sobald die Hände über die Toms wandern. Kein YouTube Video leistet das! Jagocore nimmt dir die Arbeit ab, manuell Notenblätter zu erstellen. Was dein Schüler als Nächstes braucht, entscheidest weiterhin du.
Wenn du dir deine Übungen selbst zusammenstellst, gilt dasselbe. Wer nach Noten übt, steht früher oder später vor demselben Problem wie jeder Lehrer: Die Übungen sind bekannt und das Lesen schläft ein. Jedes Lehrbuch hast du irgendwann durchgearbeitet. Mit Jagocore gibt es immer neue Übungen.
Mit dem endgültigen Launch, der wahrscheinlich Anfang 2027 stattfinden wird, werde ich Jagocore als kostenpflichtiges Monatsabo anbieten. Der genaue Preis steht aktuell noch nicht fest. Jagocore ist natürlich kein einmaliges Projekt, sondern wird von mir stetig verbessert. Auch weitere sinnvolle Funktionen können hinzukommen.
Eine Übung für diese Woche
Ich möchte gerne mit meinem 4-2-1 Drums Schlagzeugtraining starten. Spiele erst mit 60, dann 80, dann 100 und dann 120 BPM – auch diese 4 Tempi gehören zum System (ja, ich höre dich: Zweiundreißigstel RL mit 120 BPM??? Schau einfach mal...). Lass dir Zeit, übe mit Metronom und zähle durchaus auch mal laut mit. Die Zählzeiten sind mit notiert.
